Trainingstipp: Pferd-Mensch-Beziehung Nr. 2 – führen und folgen

Das Führen und Folgen stärkt deutliche das Vertrauen des Pferdes in unsere Führungsqualitäten.

Text: Rolf Schönswetter / Fotos: Gerhard Bauer-Schmitz

Anführer zu sein heißt, zu führen – in puncto Pferd-Mensch-Beziehung sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Der Mensch führt, das Pferd folgt. Ist der Mensch ein guter Anführer, wird sich das Pferd vertrauensvoll seinem Menschen anschließen. Dabei lernt unser Vierbeiner, sich an uns zu orientieren – und das nicht nur in gewohnten Situationen sondern auch in Krisenfällen. Bleiben wir durch unser konstantes Verhalten für das Pferd ein verlässlicher Partner, wird es auch dann bei uns bleiben, wenn es – auf sich alleine gestellt – flüchten würde.
Das Eigenlich-Aber-Syndrom
Partnerschaftliche Pferd-Mensch-Beziehung: Anführer kann nur der sein, der auch das Vertrauen des Geführten genießt.
Übung: führen und folgen

Haben wird dem Pferd beigebracht, dass es in unserer Gegenwart ruhig stehen und entspannen kann, folgt der nächste Schritt der »Grundausbildung«: das korrekte Führen und Folgen. Schließlich wollen wir nun unbeschadet von der Box zum Putzplatz kommen, ohne von unserem Pferd durch die Stallgasse geschleift zu werden. Das heißt, der Mensch führt, das Pferd folgt.

Bei dieser Art des Führens kommt es mir besonders auf die Synchronisation der beiden Individuen an. Da das Pferd eine extrem kurze Reaktionszeit hat (0,3 bis 0,7 Sekunden), lässt sich bei dieser Lektion sehr gut beobachten, wie gut das Pferd sich uns als Anführer anschließt.

Ein Beispiel: Geht das Pferd prompt mit, wenn wir gehen und stoppt es sofort, wenn wir stoppen, ist die Zweierbeziehung schon gut ausgeprägt. Denn das bedeutet, dass das Pferd sich mit uns „gleichschaltet“ und darauf achtet, was wir tun.

Diese Synchronisation sollten wir so oft es geht üben, ist sie doch ein erster Schritt, den Fluchtgedanken des Pferdes entgegen zu wirken. Im besten Fall passt sich das Pferd uns auch in »brenzligen« Situationen an und flüchtet nicht, weil wir gelassen bleiben. Der Umkehrschluss: Gehen wir los und das Pferd zögert oder bleiben wir stehen und es läuft an uns vorbei, kann man getrost davon ausgehen, dass unser vierbeiniger Begleiter seinen Führungsanspruch noch nicht an uns abgegeben hat. Es bleibt also nichts anderes übrig, als uns diesen zu erarbeiten.

Die korrekte Führposition

Wie geht man nun an diese Übung heran? Als erstes ist hierbei die korrekte Führposition von Bedeutung. Am Rande sei bemerkt, dass es natürlich mehrere unterschiedliche Positionen bei der Führarbeit gibt – vor, schräg daneben oder hinter dem Pferd. Dabei werden aber andere Ansätze und Ziele (z. B. das Senden oder Treiben) verfolgt, als in der hier beschriebenen Übung. Dort steht der Mensch links vom Pferd auf Höhe des Halses kurz vor der Schulter.

Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist dabei der Kopf des Pferdes leicht vor dem des Menschen. Das ermöglicht uns zu beobachten, womit sich das Pferd während des Führens beschäftigt, ob es abgelenkt oder »bei der Sache« ist. Wir bewegen uns nahezu Schulter an Schulter und schaffen dadurch eine gute Ausgangslage für synchrones Handeln. Und das Wichtigste: Körpersprache funktioniert nur, wenn sich beide »Gesprächspartner« auch sehen können.

Körpersprache: ein Zeichen für eine Aktion

Im nächsten Schritt lernen wir dem Pferd »eindeutige« Körpersprachenzeichen für Losgehen und Stoppen. Dabei liegt die Betonung auf eindeutig, denn ähnlich wie bei gesprochenen Worten führt auch bei nonverbaler Körpersprache »nuscheln« schnell zu Missverständnissen.

Prinzipiell kann sich jeder sein eigenes Zeichen ausdenken, es muss nur für jede Aktion immer eindeutig sein. Ich orientiere mich bei der Auswahl daran, wie mein Pferd unter dem Sattel bewegt wird. Da ich in der kalifornischen Hackamore reite, steuere ich mein Pferd alleine über Gewichtshilfen. Soll das Pferd aus dem Stand in den Schritt wechseln, schiebe ich Hand und Oberkörper leicht nach vorne. Stoppe ich, setze ich mich tiefer in den Sattel und verlagere mein Gewicht leicht nach hinten.

Beide Hilfen setzte ich abgewandelt auch beim Folgen und Führen ein – ausgehend von der zuvor genannten Position am Pferd. Wir stehen also links vom Pferd, in der rechten Hand halten wir das Führseil, in der linken Stick oder Gerte. Da diese Übung unbedingt aus der Ruhe heraus beginnen sollte, muss sichergestellt sein, dass das Pferd entspannt neben dem Menschen stehen bleibt. Klappt das noch nicht, muss zuerst daran gearbeitet werden.

Das Ziel ist, die rechte Hand langsam nach vorne zu schieben und das Pferd damit aus dem Stand in den Schritt zu bewegen. Ein leichtes Vorbeugen mit dem Oberkörper (wie beim Reiten) unterstützt die Aktion. Zwei Dinge sind dabei unbedingt zu beachten:

Das Pferd bewegt seine Beinen zuerst (wer bewegt wen) und das Führseil sollte immer durchhängen. Entsteht durch das gespannte Seil Druck aufs Pferdegenick, wird sich unser Vierbeiner in diesen Druck lehnen und seine Bewegung eher nach hinten als nach vorne richten.

Das Eigenlich-Aber-Syndrom
Synchronisation beim Führen und Folgen: Schiebt der Mensch Hand und Oberkörper leicht nach vorne, sollte das Pferd aus dem Stand in den Schritt wechseln.
Das Eigenlich-Aber-Syndrom
Korrekturhilfe Schritt: »übertriebene« Körpersprache und der Stick helfen dem Pferd, anfänglich die Hilfen besser zu verstehen.

Die schlechte Nachricht zuerst:  Die wenigsten Pferde marschieren bei den ersten Versuchen gleich willig los. Sie müssen unsere körpersprachlichen Hilfen erst verstehen lernen. Die gute Nachricht: Mit der korrekten Vorgehensweise und einem guten Timing lernen sie es dennoch schnell. Spricht nun das Pferd auf die beiden Hilfen (Hand und Oberkörper) nicht an, kommt als dritte Hilfe der Stick hinzu.

Der Aufbau der Hilfengebung ist dabei immer gleich: Hand vor, Oberkörper vor, Druck mit dem Stick auf die Hinterhand – die jeweils vorhergehende Hilfe bleibt bestehen. Auch hier gilt: bewegt sich das Pferd in die korrekte Richtung, wird sofort jeglichen Druck weggenommen.

Weil immer mit der geringsten Hilfe begonnen wird, lernt das Pferd auf diese Weise schnell, schon auf weniger Druck zu reagieren. Dein Pferd versteht, dass du deine Anfragen konsequent zu Ende bringst und es sinnlos ist, sich zu widersetzen. Es beginnt fein zu werden…

Beim Stoppen verwenden wir den gleichen Aufbau der Hilfen, allerdings mit einem neuen Körpersprachenzeichen: dem »Oberkörper zurück«. Im Gegensatz zur Schritthilfe wird diese eher ruckartig ausgeführt. Stoppt das Pferd nicht, wird ebenfalls der Stick als weitere Hilfe eingesetzt, indem vor dem Pferd leichter Druck aufgebaut wird. Auch hier gilt: Nicht am Führseil ziehen denn das beantwortet das Pferd nur mit vermehrtem Vorwärtsdrang.

Das Eigenlich-Aber-Syndrom
Auf die nonverbale Stopphilfe bleibt das Pferd sofort stehen. Es schaltet sich mit uns gleich.
Das Eigenlich-Aber-Syndrom
Korrekturhilfe Stopp: Die »Barriere« Stick unterstützt zu Beginn den Stopp, sollte aber möglichst bald nicht mehr nötig sein.
Fazit

Das Führen und Folgen stärkt deutliche das Vertrauen des Pferdes in unsere Führungsqualitäten. Das Pferd lernt, sich an uns zu orientieren – und das nicht nur in gewohnten Situationen sondern auch in Krisenfällen. Bleiben wir durch unser konstantes Verhalten für das Pferd ein verlässlicher Partner, wird es auch dann bei uns bleiben, wenn es – auf sich alleine gestellt – flüchten würde.